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by
Shailen Nohrein©
>> Ein hübscher kleiner Text, welcher von einer Freunschaft zweier Hengstbrüder erzählt, die als Fohlen getrennt wurden und auf Schicksalhafte, aber auch tragische Weise im hohen Alter wieder
zusammenfinden. <<
Trauer, Schmerz und Sehnsucht. Drei Eigenschaften die man auch der Liebe zuordnen kann. Wer ich bin? Man nennt mich Thunder und ich bin ein Hengst. Nun ja, ein Brauner wohlgemerkt, mit
einem weißen Glückshuf, wie die Menschen gerne sagen. Was meine Geschichte ist? Das ist leicht erklärt. Ich bin ein Dressurpferd und komme aus dem Geschlecht der dänischen Warmblüter. Mein Alter? Nun, das ist nicht
mehr das Jüngste und ich höre schon oft den Tod an meine Boxentür klopfen, wie er zu mir sagt das meine Tage nicht mehr lange sind. Aber ich kann auf ein Leben zurückblicken, welches aufregender nicht hätte sein
können. Viele Erfolge habe ich erlebt. Aber auch ebenso viele Orte auf der Welt, die ich mit meinem, wie soll ich sagen, Tanz im Viereck verzaubern konnte. Es ist eben das Leben eines gewöhnlichen Dressurpferdes,
das viel erreicht hat. Obwohl, vielleicht nicht so ganz. Da wäre noch mein Bruder, vielmehr mein Zwillingsbruder Flash. Moment, werden jetzt einige sagen. Zwillinge, bei Pferden doch nicht wirklich möglich. Doch,
das ist es. Aber es ist riskant und oft überlebt der eine Zwilling nicht oder es sterben sogar beide. Aber auch die Mutter kann dabei ihr Leben verlieren. Wir hatten Glück, denn Flash und ich, sind kerngesunde
Fohlen bei unserer Geburt gewesen. Nur das ich der Kleinere war, doch sieht man mir das heute nicht mehr an. Er war mehr nach Vater gekommen und hatte dunkleres Fell als ich und einen weißen Stern auf seiner Stirn,
von dem eine kleine Linie bis ans Maul lief. Ach, es waren wirklich schöne Tage als Fohlen. Wir rannten zusammen über die Weide und spielten mit den anderen Fohlen. Es war wunderbar. Doch wie es nun oft im Leben so
kommt, ist die schöne Zeit eines Tages vorbei. Bei uns fing die härtere Zeit an, als man uns von unserer Mutter wegbrachte. Wir waren eben alt genug, wie die Menschen sagten, um ohne unsere Mutter auszukommen. Das
sagt sich so leicht, wenn man fast Achtzehn Jahre bei seiner Familie lebt und dann eines Tages auf eigenen Beinen steht, wohlmöglich mit Hilfe der Eltern. Bei uns war das nicht so, wir waren eben Pferde. Wir mussten
mit einem halben Jahr alleine zurecht kommen. Doch wir hatten immer noch uns, das war wichtig für meinen Bruder und mich. Zusammen würden wir jede Zeit durchstehen. Wir wurden älter und noch immer waren wir zwei
Brüder, doch dann wurde er mit einem Jahr verkauft und unsere Wege trennten sich. Es war schmerzvoll für mich, denn nun hatte ich nicht nur meine Mutter verloren, sondern auch meinen Bruder. Tage vergingen und
daraus wurden Wochen, Monate, Jahre. Es war viel geschehen, seit diesem Zeitpunkt und ich hatte meine Karriere als Dressurstar begonnen. Es war etwas schönes, wenn die Menschen nicht nur meinen Reiter, sondern auch
mich umjubelten. Doch es war eine Zeit, die ich nicht mit meinem Bruder teilen konnte. So manches Mal erinnerte ich mich an die Zeit als Fohlen und wünschte diese Momente zurück. Ich hatte zwar ein schönes Leben,
doch was ist es schon wert, wenn ich es nicht teilen konnte. Wie mochte er wohl als erwachsenes Pferd aussehen? Sah er so aus wie ich? Es waren Fragen die mir nicht aus dem Kopf gingen. Die Zeit stand nicht still
und meine Jugend rückte immer weiter in unerreichbare Ferne, aber nie aus meinen Erinnerungen. Die Erfolge wurden mehr, aber auch die Prüfungen schwerer. Oder war es einfach nur ich, der älter wurde und nicht mehr
die strotzende Kraft der Jugend hatte? Gleichwohl was es war, eines Tages war der Zeitpunkt gekommen, der jedem Pferd im Sport irgendwann bevorsteht. Es war der Tag des letzten Rittes. Noch einmal beweisen was man
kann und um Die, die einen lieben mit einem Feuerwerk der Gefühle zu verabschieden. War es bei Flash auch so? Ich wusste es nicht und würde es wohl nicht erfahren. Es war aber ein Moment den ich nie vergessen
wollte, denn ein weiterer Abschnitt meines Lebens endete. Doch wo einer endet, da fängt ein anderer an. Ich sollte als Zuchthengst meinen Lebensabend verbringen und viele Nachkommen hinterlassen, die mein Erbe
weiter in die Welt hinaustragen würden. Es waren schöne Tage, die ich verbringen durfte und nicht wenige davon im Rausch der Liebe mit meinen Stuten. Ich hatte das Glück weniger Hengste auf einer Weide mit den
Stuten, die ich decken sollte, meine Zeit zu verbringen. Es war etwas schönes und doch fehlte mir an manchen Tagen etwas. Es war die Erinnerung an meinen Bruder. Was war aus ihm geworden? Lebte er überhaupt noch?
Konnte er ebenso stolz auf seine Nachkommen sein, oder durfte er nie welche haben? Wer wusste dies schon. Es kam ein Tag, der anders war, als alle anderen, die ich bei meiner Herde verbringen konnte. Alles fing
damit an, das ein großer Transporter auf den Hof kam und ein neues Pferd brachte. Das neue Pferd war ein Hengst und das Fell schimmerte vom Alter leicht gräulich, doch war es dunkles braun. Auf seinem Kopf war eine
Fliegenmaske und ich konnte ihn nicht genau erkennen. Er wieherte meinen Stuten zu und ich lief unruhig vor ihnen auf und ab. Ich beantwortete seinen Ruf mit einem drohendem Echo, das ihn warnte nicht meinen Stuten
zu nahe zu kommen. Wir waren Rivalen und es war meine Herde, die sich hier auf dieser Weide befand. Man brachte ihn in den Stall und ich hörte von dort noch immer seinen Ruf. Doch er war außer Sicht und ich trieb
meine Stuten zum entlegendsten Teil der Weide. Es wurde ruhiger als die Sonne am Horizont immer weiter hinabsank. Der Tag neigte sich immer mehr dem Ende zu, so wie meine Beunruhigung, wegen des anderen Hengstes.
Ich musste mir im Grunde keine Sorgen machen, denn es war nichts besonderes. Schon oft waren andere Hengste gekommen, aber auch wieder gegangen. Gedanken musste ich mir keine machen, denn ich war der einzige von
ihnen, der dieses Privileg besaß auf der Koppel meinen Stuten den Liebesdienst zu erweisen. Wohl deshalb, weil die Menschen meine ruhige und gute Art mochten. Es wurde immer dunkler und ich versank wie immer in
dieser Zeit, in einen verträumten Zustand und war nahe an der Grenze zum Schlaf. Es lag wohl an meinem Alter. Doch ich schreckte durch ein lautes Krachen auf, das aus dem Stall gekommen war. Ich sah auf und erkannte
wie ein großer Schatten aus dem Stall gestürmt kam und dann mit einem Satz über den Zaun meiner Weide war. Er kam auf mich zu und meine Unruhe wuchs wieder an. Ein Wiehern erklang und ich wusste das es der Hengst
von vorher war. Ich antwortete ihm mit einem gellenden Warnruf, doch er beachtete es nicht. Unbeirrt kam er weiter auf meine Herde und mich zu. Das Unausweichliche war im Gange und es würde sich nicht mehr aufhalten
lassen. Ein erbitterter Kampf zwischen uns beiden sollte dies werden, denn wir waren im Rausch der Wildnis. Für uns zählten nur diese Stuten auf der Weide und nichts anderes. Keiner wollte sie mit dem anderem teilen
und das sollte unser Verhängnis sein. Ich stellte meinen Gegner und die Hufe flogen durch die Luft. Zähne gruben sich tief in muskulöses Fleisch. Schreie glitten durch die Luft und ließen sie fast explodieren vor
Spannung. Ein Huf traf mich an der Flanke, doch mein Instinkt ließ mich den Schmerz vergessen und weiterkämpfen. Wir waren wie zwei Gewalten, die aufeinander trafen und keiner gab nach. Doch dann geschah das, was
unvermeidlich war. Mein Gegner wurde Opfer eines Vorderhufes am Kopf und brach nach Sekunden des Zitterns zusammen. Der Kampf war vorbei und ich hatte gewonnen. Der Boden um den Kopf meines Rivalen wurde dunkler und
die Atemzüge weniger, bis sie ganz verstummten. Es war eine zerreißende Stille, doch war ich noch immer unruhig, das mein Gegner urplötzlich wieder aufstehen und mich erneut fordern würde. Ich ging um ihn herum und
beroch ihn. Keine Regung war von ihm zu vernehmen und langsam verschwand meine Vorsicht. Das Pferd vor mir war keine Gefahr mehr für mich, denn sein Lebenslicht war verloschen. Ich trat zum Kopf und konnte erkennen
das er keine Fliegenmaske mehr auf hatte. Erst jetzt, wo das Blut aus seiner Wunde am Kopf lief, erkannte ich es. Es war wie ein Stich in mein Herz, denn ich hatte etwas gesehen, was mir sehr weh tat. Der leblose
Körper vor mir hatte einen Stern und von ihm verlief eine kleine Linie bis zum Maul. Erst jetzt begriff ich, was ich getan hatte. Ich war der Mörder meines eigenen Bruders, dem einzigen was mir in der Welt noch
wirklich geblieben war. Die Menschen kamen, denn sie hatten den Krach bemerkt, den unser Kampf verursacht hatte. Sie waren fassungslos, doch wussten sie um meinen Instinkt. Vielleicht wussten sie aber auch um die
Verwandtschaft zwischen uns. Doch das würde ich nie erfahren, denn sie brachten mich weg von diesem Ort des Grauens. Nun stehe ich hier, im meiner Box und lecke meine Wunden. Auf dem Hof vor mir liegt mein toter
Bruder unter einer Plane und wartet auf seine letzte Reise. Mein eigener Bruder war Opfer meines Instinktes geworden, ohne das ich es gewollt hätte. Ich wünschte wir könnten noch einmal zusammen sein und Frieden
schließen, doch jetzt ist er tot und ich wieder alleine. Doch hoffe ich sehr, das ich, wenn meine Zeit gekommen ist ihn wiedersehe. Das nur, damit ich ihm meine Liebe als Bruder beweisen und er mir verzeihen kann.
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