Späte Erfüllung eines Traumes

ThronsaalLady Adelaine

Es ist noch nicht so lange her und ich erinnere mich mit großer Freude an einen wunderschönen Augenblick. Es war Anfang Mai des Jahres Zweitausenddrei, ein wunderschöner Sonntagnachmittag. Die Sonne wärmte mit ihren Strahlen den Stall und an einigen Boxen sonnten sich Pferde ihre Köpfe. Die Arbeit war getan und die Pferde versorgt. Friedlich hörte ich sie brummeln, schnauben und ihr Heu fressen. Doch noch eine Aufgabe wartete auf mich. Eine die ich mehr als liebte und sie mich. Ihr wunderschöner brauner Kopf, schaute schon erwartungsvoll zur Boxentür hinaus. Der Name des Kopfes und dem ebenso wunderschönen Körper war Adelaine. Jedoch nannte ich sie immer liebevoll Lady Adelaine, denn dies brachte ihren wahrlich guten Charakter am ehesten zur Geltung. Das Metall des Halfters klimperte bei meinen Gehbewegungen und ich spürte schon von der Distanz wie sehr ich erwartet wurde. Ein Gefühl der Zusammengehörigkeit verband uns beide und sollte auch unser ständiger Begleiter sein. Ich dachte an den Moment, wo ich das erste Mal erkannte wie viel sie mir wirklich bedeutete und was ich zu diesem Zeitpunkt gedacht hatte. „Vor mir stand eine wunderschöne braune dänische Stute. Ihre langen schwarzen Schweif und Mähnenhaare wehten im Wind wie feines Gras. Ihre ebenso langen schwarzen Beine tänzelten vor Aufregung und Erwartung. Ein Blick Ihrer braunen Augen, die im Sonnenlicht tiefschwarz wirkten und ein leichter Wimpernschlag taten den Rest, um mir mein Herz und meine Seele zu rauben.“ Noch immer kreisten diese Worte in meinem Kopf herum und ließen nicht locker von meinem Herzen. Ich hakte die Kette aus und ging in ihre Box, wo sie mich sanft mit ihrem Maul begrüßte. Sie lies nicht locker von mir, denn sie wusste was ich in der anderen freien, aber geschlossenen Hand hatte. Ich gab nach, öffnete die Hand und hielt ihr die frisch gepflückten Löwenzahnblüten hin. Es war für sie, wie für eine Frau, wenn man ihr Pralinen brachte. So manches Mal glaubte ich, das sie eigentlich als Mensch hätte geboren werden sollen und nicht als Pferd. Doch war mir ein Gedanke immer bewusst in dieser Hinsicht. „Hätten wir uns dann jemals getroffen?“ Nein, wahrscheinlich nicht. Auch würde dann Shailen, ein Hengst aus meinen Geschichten nicht existieren, denn Adelaine war der Grund das es ihn gab. Sie fing an, an meinem Hemd zu knabbern und nach mehr zu verlangen, aber ich gab ihr zu verstehen, das wir nun erst etwas anderes vorhatten. Auch wenn ich wusste, das sie sich noch mehr freuen würde, wenn sie wüsste wohin es gehen sollte. Vor allem, da ich vorhatte es mit einer kleinen Pause zu verbinden, damit sie den Löwenzahn, den sie sehr liebte und an unserem Ziel wuchs, in Ruhe und Freude genießen konnte.  Ich zog ihr das Halfter über, reinigte ihre wohlgeformten Hufe und führte sie zum Putzplatz. Sie genoss es von mir geputzt zu werden, denn jeder meiner Striche war ruhig, kraftvoll und auch zärtlich. Es war wie jedes Mal ein gutes Gefühl, wenn es ihr so gut ging und ihre Freude sich darin zeigte, sich von Zeit zu Zeit an mich zu schmiegen. Ihr gefiel es gar nicht, als ich das Putzzeug wegpackte, da ich nun fertig war. Ihr Fell glänzte im Sonnelicht und ich wusste schon warum sie eine Stutbuchstute war, ihre Schönheit war Beweis genug. Ich ging zur Sattelkammer, holte Sattel und Trense und spürte immerwährend ihren Blick auf mir. Schnell und doch sanft, legte ich ihr den Sattel auf, zog die samtschwarze Schabracke auf der Lady Adelaine stand gerade und machte den Gurt zu. Ich nahm ihren Kopf, zog das Halfter von ihm und warf die Zügel der Trense über. Das Leder der Trense, die ich eigens für sie gekauft hatte, glänzte mit ihrem Fell um die Wette und unterstrich ihre Schönheit noch mehr. Sie nahm freundlich das Gebiss der Trense auf und ich konnte sie ihr über den Kopf streifen. Mit größter Sorgfalt sortierte ich ihren Schopf unter dem Arabischen Stirnband hervor. Auch dieses hatte ich nur für sie gekauft, um ihre Schönheit zu unterstreichen. Es war aus einem festen Stoff und die Grundfarbe schwarz. Der obere Rand war mit einer goldfarbenen Verzierung versehen, die von links nach rechts ging. Das untere Stück hatte ein helles Bordeaux mit kleinen goldenen Halbkugeln, die im Zentrum eines jeden Musters waren. In der Mitte waren einige goldene Metallstücke, die ein wenig an eine Flame erinnerten und darunter hing eine Quaste, mit zwei rosa Perlen und einem durchsichtigen Plastikkristall. An beiden Stirnbandenden waren ebenfalls Quasten angebracht, die jeder eine rosa Perle hatten. So manches Mal glaubte ich, das Feuer der arabischen Pferde, in ihren Augen zu sehen, wenn sie dieses Stirnband trug. Auch war sie dadurch im Wald etwas ruhiger mit dem Kopf, denn die Quasten gefielen den Fliegen nicht wirklich. Mit leichtem Schwung saß ich auf und unser kleiner Ausflug konnte endlich beginnen. Es machte Spaß an solch einem Tag auszureiten und ich wusste, das Adelaine mir dann während der Woche wieder ihre beste Leistung in der Halle zeigen würde. Ich kannte sie schon zu gut, um nicht zu wissen, was ihr gefiel und wie ich sie dazu brachte mir beim reiten ihre volle Kraft zu zeigen. Man sah es ihr nicht an, welch Blut durch ihre Ahnen in ihr floss. Einer ihrer Großväter blieb mir immer in Erinnerung und ich hatte schon oft versucht über ihn viel zu erfahren. Es war Argentan. Wir kamen an den Beiden Ställen vorbei die bei unserem in der Nähe lagen und ich sog den Geruch der anderen Pferde ein. Es machte mich immer neugierig welche Pferde dort wohl alles stehen würden, aber ich hatte meine Lady und die Arbeit, da blieb dafür keine Zeit. Vorbei an den hohen Häusern der Bürostadt, unter der Brücke der Autobahn hindurch, wo wir schon einige Male vor Regen Schutz gesucht hatten. Doch heute hatten wir Glück, denn keine einzige Wolke traute sich hervor. Vielleicht wussten sie, was wir vorhatten und wollten diesen schönen Tag nicht verderben. Die Luft war Klar und rein. Der Duft des Waldes durchzog meine Lunge und ich spürte wie ein Moment des Stillstands da war. Am Reitweg befand sich ein Waldameisennest, bei dem ich mit Adelaine immer einige Zeit stehen blieb und den fleißigen Tierchen zuschaute. Sie nutzte die Gelegenheit immer um ein wenig zu verschnaufen, oder einige Ahornblätter zu rupfen. Ich hatte dabei so manches Mal schon einwenig Angst, das sie eine der Ameisenstraßen erwischen würde. Doch es war fast so, als würde sie genau wissen, wo sie verliefen. Auch wenn wir sehr nahe an dem Nest waren, so versuchten die Ameisen ihr Nest nicht gegen uns zu verteidigen. Ich trieb meine kleine Lady wieder an, denn wir wollten noch ein wenig mehr tun, als nur ein Ameisennest zu beobachten. Wir kamen nach einer Weile zu den Hügelgräbern im Wald und ich gedachte, wie so oft, den Menschen deren letzte Ruhestätte hier war und bat still um Erlaubnis weiterreiten zu können. Auch wenn sie schon lange tot waren, so respektierte ich ihre letzte Ruhe. Wir ritten noch eine ganze Weile durch den Wald, sahen in der Nähe des Weges Rehe und Wildschweine. Hörten den Vögeln zu, wie sie ihre wunderbaren Lieder sangen. Wie der leichte Wind durch die Blätter rauschte und um hier und da einige Geräusche von den kleinen Bewohnern des Waldes wahrzunehmen. Die Zeit verflog und endlich standen wir dort, wo wir hin wollten. Die Schwanheimer Wiesen. Sie waren vor langer Zeit durch einen Brand entstanden und wurden nun als Heuwiesen genutzt. Durch sie hindurch führte ein kleiner Reitweg, der von einem Weg für Spaziergänger und andere begleitet wurde. In einiger Entfernung, sah ich die Büsche zwischen denen eine Straße verlief und den kleinen Teil der Wiesen vom großem trennten. Wir nahmen in Ruhe den kleinen Teil in einem Trab, denn den schönsten und schnellsten Teil, wollten wir uns für die große Wiese aufheben. Wir erreichten zügig die Straße und ich musste schon bemerken das es rücksichtsvolle Autofahrer gab. Obgleich sie auf einer Vorfahrtsstraße waren, hielten sie und ließen mich die Straße überqueren, während ein dankender Gruß von mir an sie gerichtet war. Man hatte als Reiter einen Ruf zu wahren, der wichtig war. Einen Ruf der Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft, auch wenn ich so manches Mal leider das Gegenteil erleben musste. Wir hatten unser Ziel endlich erreicht, das große Stück, der Schwanheimer Wiese. Schon jetzt spürte ich die Aufregung in meinem Herzen pulsieren und wusste, das auch Adelaine es spürte. Mit leichter Zügelführung ließ ich sie auf den Reitweg traben. Ich ließ sie in einen Galopp gleiten, begab mich in den Rennsitz und ließ ihr die Zügel. Wir donnerten vor Freude über die Schwanheimer Wiesen und jeder der auf dem Weg neben dran spazieren ging, konnte unsere Freude hören und spüren. Ihre Hufe donnerten über den Boden und mir war, als würde ich ihr Herz bis zu mir spüren. Der Wind jagte nur so um uns herum und raubte mir fast den Atem, bei diesem wunderschönem Gefühl. Wir hatten das Ende der Wiese viel zu schnell erreicht und mussten anhalten. Ich sah ihr von oben in die Augen und wollte ihr eine Frage stellen, auf die ich im Grunde schon ihre Antwort wusste. Doch ich kam nicht dazu, denn sie fing an zu tänzeln und wollte wieder zurück auf die Wiese. Ich wusste was sie wollte und gab ihr noch einmal vom Rennsitz aus die Zügel. Wir jagten ein weiteres Mal über die Wiese und diesmal mit mehr Zuschauern. Die Kinder auf dem in der Nähe liegenden Waldspielpark waren auf unser Schauspiel aufmerksam geworden und standen nun am Zaun, als wir wieder vorbeiflogen wie ein Pfeil. Vor der Straße brachte ich sie sanft zum stehen, überquerte sie und lies Adelaine wieder in einen leichten, ruhig schwingenden Trab fallen. Ich parierte wieder durch zum Schritt, als wir die Mitte der kleinen Wiese erreicht hatten und ließ sie die Zügel aus der Hand kauen. Ich spürte das sie zufrieden war und strich ihr über den Hals, so wie sie es immer mochte und ihren Hals ein wenig gegen meine Hand drückte. Ich ließ sie noch eine Weile laufen, das sie trocken wurde und parierte Adelaine dann zum stehen. Ich stieg ab, öffnete den Gurt und nahm den Sattel von ihrem Rücken. Sie hatte schon ihre Aufmerksamkeit auf das Gras gerichtet, das konnte ich ihr mehr als gut ansehen. Doch erst wollte ich einige Riemen der Trense öffnen, damit sie besser kauen konnte, obwohl ihr diese Verzögerung nicht wirklich passte. Doch kaum hatte ich die Zügel auf einer Seite gelöst, damit sie mehr Freiheit hatte und ihren Kopf los lies, war es um das Gras geschehen. Ich setzte mich neben sie an den Sattel und schaute ihr beim Grasen zu. Es war beruhigend sie so zufrieden kauen zu sehen und ich musste sehr aufpassen, nicht zu stark von dieser Ruhe vereinnahmt zu werden. Ich wäre mit Sicherheit dann eingeschlafen, obwohl ich im Grunde wusste, das sie in meine Nähe nicht verlassen hätte. Sie hatte sich oft zu mir in der Mittagspause gelegt, wenn ich in ihrer Box ruhte. Ich glaubte so manches Mal, das sie mich in dem Moment wie ein Fohlen behandelte, denn sie legte sich immer gänzlich in meine Nähe. So als wolle sie mich vor der Welt dort draußen beschützen. Die Zeit verging und ich bemerkte erst am Sonnenstand, das es besser war zurückzukehren. Ich wollte nicht wirklich mit ihr durch die Dunkelheit reiten, vor allem da wir nichts für einen Nachtritt dabei hatten. Unser Rückweg war ruhig, die roten Strahlen des Sonnenuntergangs schimmerten durch den Wald und ließen ihn in einem wunderschönem magischem Licht erstrahlen. Auch die Fellfarbe meiner Lady, zeigte in ihrem Braun einen wunderschönen leichten Rotstich. Ich wünschte mir in diesem Moment, das dieser wundervolle Zeitpunkt nie zu Ende gehen würde. Jedoch erreichten wir dann den Stall und unser schöner Ausritt war zu Ende. Ich stieg ab, nahm ihr den Sattel vom Rücken und brachte sie in ihre Box. Ruhig und sanft zog ich ihr die Trense aus und ahnte was nun kommen würde. Sie fing an ihren Kopf an meiner Brust zu reiben. So wie sie es immer tat und ich spürte wie stark ihre Zuneigung zu mir war. Ich dachte in diesem Moment, wo sie ihren Kopf an meiner Brust hatte, an den kleinen Russen Highlight, der ein Jahr zuvor mein Begleiter gewesen war und dann verkauft wurde. Es war unser Traum gewesen über die Schwanheimer Wiesen im Galopp zu jagen. Ich wusste wie schnell er war und welch Freude er empfunden hätte, einmal seine volle Stärke zu erreichen. Doch uns blieb dies verwärt, als er zu seinem neuem Besitzer gebracht wurde. Noch heute denke ich auch an ihn und muss so manches Mal meine Tränen verbergen. Tränen werden nur selten von einem Mann gesehen und leider oft auch belächelt von anderen. Es würde Schwäche zeigen. Doch zeigt es nicht Stärke laut hinauszurufen: „Ich liebe und vermisse dich“. Ja, das zeigt es und ich wusste das diese Stärke und Liebe mich und meine Lady zusammen gebracht hatten. Mit ihr hatte ich nun endlich diesen Traum erfüllt, auch wenn es im Grunde der Traum von Highlight und mir war. Ich streichelte sie zärtlich, gab ihr einen Kuss auf die Stirn und versprach, das ich sie nie allein lassen werde. Ich ging aus der Box und sie sah mir noch einmal hinterher. Wir wussten beide nicht, das auch uns das Schicksal trennen würde. Doch beide wussten wir, das unsere Hoffnung so groß war, dass wir uns eines Tages wiederfinden würden.

ENDE

*Ich möchte hier anmerken, das dieser Text keine erfundene Story ist, so wie viele meiner Texte.*

Widmung: Dieser oben geschriebene Text ist What a Feeling gewidmet, eine wunderschöne schwarze Jungstute, die trotz einer zuvor schweren Krankheit hart gekämpft hatte und bis zuletzt sehr große Fortschritte machte. Sie verstarb am 26.09.04. in der Halle durch einen Herzschlag.

Sie wurde nur drei Jahre alt.

„Aschehwwara Scherake / Mögen dich die Engel ins Licht führen“

Deine Besitzerin und wir, die dich kennen, werden dich sehr vermissen What a Feeling.

ThronsaalLady Adelaine